Die letzten 48 Stunden zeigen eine auffällige Konvergenz: Regulatorik (DORA/NIS2/DSGVO) „zieht“ operative Security‑Kontrollen (IAM, Drittparteien, Incident‑Prozesse) in den Mittelpunkt – und zwar nicht mehr als abstrakte Pflichten, sondern als konkret prüfbare Architekturentscheidungen. Besonders sichtbar ist das an den neuen DORA‑Leitplanken zur KI‑Nutzung, an NIS2‑Roadmaps für Passwörter/MFA sowie an DSGVO‑Fällen, die datengetriebene Geschäftsmodelle direkt treffen.

Im Finanzsektor wird KI damit endgültig zu einem „normalen“ IKT‑Risikoobjekt: Die BaFin‑Orientierungshilfe – und ihre juristische Einordnung – verschieben den Fokus weg vom reinen Modell‑Hype hin zu Lifecycle‑Kontrollen, Drittparteiensteuerung (Cloud), Governance und nachweisbarer Resilienz. Wer KI produktiv einsetzt, muss sie wie kritische Software behandeln: inventarisieren, testen, verändern, überwachen, stilllegen – und all das prüfbar dokumentieren.

Parallel zeigt NIS2 in der Praxis, dass „Basics“ wieder Chefsache werden: Zugriffskontrolle ist nicht nur Policy‑Text, sondern eine belastbare IAM‑Roadmap (Passphrasen‑Standards, Leak‑Screening, phishing‑resistente MFA, Conditional Access, Log‑Monitoring). Die Compliance‑Logik ist dabei klar: Wer das Identity‑Layer nicht im Griff hat, wird weder Audit‑ready noch resilient – und steht bei einem Incident sofort im Erklärungsmodus.

Auf der Datenschutz‑Achse eskaliert die Risikolage für datengetriebene Modelle: Das Meta‑Urteil aus Österreich und die noyb‑Beschwerden gegen TikTok/Grindr/AppsFlyer zeigen, dass racking, Profiling und Cross‑App‑Datenflüsse zunehmend an der Kombination aus Transparenz‑Pflichten und sensiblen Daten scheitern können. Für Produktmanager heißt das: Datenarchitektur (Segregation, Consent‑Orchestrierung, DSAR‑Fähigkeit (DSAR=Data Subject Access Request)) ist ein Wettbewerbsfaktor – nicht nur ein Legal‑Thema.

Operativ bleibt die Bedrohungslage hoch: Der Angriff auf die Mail‑Server des französischen Innenministeriums und die Ransomware‑Trends(inkl. Social‑Engineering‑Techniken wie ClickFix) unterstreichen, dass Incident‑Fähigkeit und Resilienz nicht linear mit „weniger Volumen“ sinken. Vielmehr verlagern Angreifer ihre Methoden: weg von rein technischen Exploits, hin zu menschlich‑technischen Ketten, die Bordmittel und schwache Prozesse ausnutzen.

Der strategische Schluss daraus ist ein integriertes Betriebsmodell: DORA/NIS2/DSGVO lassen sich nicht mehr sinnvoll getrennt behandeln. Governance (Rollen, Verantwortlichkeiten), Architektur (Identity, Logging, Segregation), Supply‑Chain‑Kontrollen(Cloud/SDKs/Dienstleister) und Incident‑Prozesse (Meldewege, Forensik, Übungen) müssen ganzheitlich gedacht werden –idealerweise als „Compliance‑fähige Resilienz‑Plattform“, die Prüfungen besteht und Incidents überlebt.

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